Gewebe von Verhalten

In einem anderen Post bin ich darauf eingegangen, dass immer zwei oder mehrere Verstärker um Verhalten buhlen und dass sich die Verhalten verteilen auf die Verstärker die gerade um Verhalten werben - und ausserdem wird in einem Post aufgezeigt, welche Faktoren die Verhaltensantwort auf Reize bestimmen.

In diesem Post erweitere ich die Erkenntnisse aus den Posts um ein weiteres Konzept.

Premack Prinzip

Nachdem einige Zeit davon ausgegangen wurde, dass Verhalten mit bestimmten Reizen verstärkt werden, den Verstärkern, entdeckte man, dass die Verstärker selbst sehr oft Verhalten sind.

Wenn wir unserem Hund den Ball geben wenn er sich hinsetzt, oder die Balkontür öffnen wenn er sich davor stellt, oder neben uns an der Leine wartet bis die Leine abgenommen wird, dann wird der Hund danach mit Verhalten verstärkt: er bekommt den Ball, kann auf den Balkon oder kann frei laufen ohne Leine.

Dieses Prinzip wird Premack Prinzip genannt und seine Auswirkungen sind fundamental.

Ist man bis zu dieser Erkenntnis davon ausgegangen, dass Verhalten verstärkt werden und diese dadurch zunehmen, geht man seitdem davon aus, dass sich die Verhaltensverteilung verändert, denn: wenn Verhalten mit Verhalten verstärkt wird, dann hängt das eine Verhalten vom anderen Verhalten ab. Wird das eine Verhalten öfters gezeigt, dann bleibt weniger Platz für das andere Verhalten.

Wenn wir von unserem Hund fordern, dass er einige Meter an der Leine geht ohne zu ziehen, sich hinsetzt und dann den Ball bekommt, dann zeigt er weniger Verhalten am Ball und mehr Verhalten das wir vom Hund möchten. Die Verteilung von Ball bezogenem Verhalten und dem Leinenlaufen verändern sich.

Die Verhaltensverteilung

Verhalten verteilt sich wie ein Gewebe und bildet eine typische Struktur

Mit diesem Konzept kommt eine weitere Erkenntnis. Die Gesamtheit aller Verhalten verteilt sich in einer für die Spezies und für das Individuum typsichen Weise.

Unser Hund döst und schläft für eine gewisse Zeit am Tag, verbringt eine bestimmte Zeit mit essen, herumlaufen, mit erkunden und anderen Verhalten. Diese Verhaltensverteilung nennt sich Behavioral Bliss Point.

Diese Verteilung ist zum einen auf die Biologie des Tieres und seines Bedarfes zurück zu führen, zum Beispiel der Bedarf an Schlaf, an Bewegung, an Erkundung - mehr Infos dazu findest du beim Scan Modell und bei unelastischen Verhalten - zum anderen auf die Psychologie und der Lerngeschichte des Tieres zurück zu führen - welche Möglichkeiten wurden geboten, was konnte der Hund lernen. Ein Hund der von Anfang an kaum gefordert und gefördert wurde wird über die Zeit träge und schläft mehr, zeigt weniger Eigeninitiative als ein Hund, bei dem diese Förderung stattfand.

Für die Arbeit und die Ausbildung des Hundes

Beides zusammen, das Premack Prinzip und der Behavioral Bliss Point, sind in der Arbeit mit Hunden wichtig.

Wenn wir einen Hund mit Futter belohnen wollen und die Menge an Futter und die Zeit für das Aufessen länger und mehr brauchen als der Hund üblicherweise brauchen würde, dann wird der Verstärkerwert, Reinforcement Value, abnehmen und der Hund die Arbeit einstellen.

Wenn wir den Hund mit Ball belohnen und der Hund am Ende deutlich weniger mit dem Ball was tun kann als er es sonst tut, dann wird ihm was fehlen und möglicherweise sich anderswo einen Ball auftreiben.

Wir haben die Möglichkeit, Verhalten, die der Hund gerne zeigt, als Verstärker zu nehmen und damit auch die Möglichkeit, den Hund effektiver und kreativer zu verstärken.

Wenn unser Hund ruhig stehen bleibt an der Leine während ein anderer Hund vorbei geht, können wir unseren Hund damit belohnen, dass er an der Stelle riechen und erkunden kann, wo der andere Hund eben noch war.

Dazu kommt, dass wir bei der Arbeit mit Hunden das Suchtpotential beachten müssen. Hunde sind so designed, dass sich ihr Belohnungszentrum im Gehirn oft sehr leicht durch den Menschen und bestimmte Verhalten aktivieren lässt. So gibt es Hunde, die sehr leicht belohnt werden durch Zerr-Aktivitäten zB am Seil oder Tuch, oder Hunde, die sehr leicht belohnt werden durch sich bewegende Objekte (in diesem Zusammenhang ist es wichtig zu betonen, dass es sich hierbei nicht um Spiel im verhaltensbiologischen Sinne handelt. Verhalten kann Freude bereiten ohne Spiel zu sein).

Wird der Hund in diesen Verhaltensweisen gefördert, kann es passieren dass der Hund sich mit diesen Verhalten immer mehr beschäftigt und andere Verhalten runterfährt, bis zu einem Punkt wo andere, essentielle Verhalten wie Nahrungsaufnahme, Ruhe und Schlaf, Sozialverhalten und drgl vernachlässigt werden und der Hund in einem dauerhaften, schädlichen Stress ist und daran im Verhaltenssystem, psychisch und körperlich erkrankt.

Deswegen ist es wichtig, bei der Arbeit mit Hunden, Erziehung wie Ausbildung, darauf zu achten, dass die Verhaltensverteilung immer stimmt und der Hund gesund bleibt.