Die Gruppe
und die Sache mit der Dominanz

In diesem Post geht es um die Dynamik in einer Gruppe, wie diese entsteht und den Begriff der Dominanz.

Dominanz, in einer einfachen Definition, beschreibt das Verhältnis zwischen zwei Individuen, oft mit A und B bezeichnet, in welchem A sich gegenüber B durchsetzen kann, in der Regel indem B es akzeptiert und zeitgleich in der Beziehung bleibt, bzw diese sucht.

Aus dem Buch Verhaltensbiologie für Hundetrainer

Wenn wir zB einkaufen gehen, dann hat der Ladeninhaber, A, eine formale Dominanz gegenüber der Kundschaft, das heisst, er, oder sie, legt die Regeln fest, an die sich die Kundschaft zu halten hat, während sie in seinem Laden sich aufhält. So kann der Ladeninhaber festlegen wo die Kundschaft hin darf, ob Lebensmittel probiert werden können, oder welche Preise zu bezahlen sind. Diese Regeln helfen im besten Fall, dass Konflikte, das heisst Streitereien vermieden werden; es kann allerdings passieren, dass ein Kunde diese Regeln nicht hinnimmt, zB den Preis nicht akzeptiert, und sich darüber beschwert und aus dem Laden geht ohne seine Einkäufe. Dann ist die Beziehung beendet.

Dass sich, wenn zwei oder mehr Individuen zusammen sind über einen längeren Zeitraum, sich Dominanzbeziehung ausbilden, ist nicht erstaunlich. Wenn zB zwei Freunde, oder Freundinnen, bei dem einen, oder der einen, sich treffen, also A, und das über einen längeren Zeitraum sich wiederholt, dann wird mit der Zeit die Frage aufkommen, ob B, der Freund oder die Freundin, an den Kühlschrank darf, den Fernseher oder das Radio anmachen darf, die Schuhe vorher auszuziehen hat oder allgemein: welche Regeln gelten.

Ausführungen zur Dominanz von Udo Ganslosser aus dem Buch Verhaltensbiologie für Hundetrainer

Genauso verhält es sich, wenn zwei oder mehrere Hunde über einen längeren Zeitraum zusammen sind. Darf B das Seil haben mit dem A spielt? Darf man sich in der gleichen Futterschüssel bedienen, oder soll gewartet werden, darf man sich zum dösen dazu legen, oder soll man Abstand einhalten .. es gibt viele Fragen die mit der Zeit auftauchen, die das soziale Miteinander betreffen, bzw Ressourcen wie Ligeplätze, Spielzeug, Essen, Trinken, und drgl mehr.

Dabei wird klar, dass Dominanz sehr viel dem Individuum B zu tun hat, indem B die Regeln akzeptiert. In dem Moment wo B die Regeln nicht hinnimmt, ist A nicht mehr dominant über B. Zudem wird auch klar, dass Dominanz kein muss ist: es ist nicht erforderlich, dass A seine Möglichkeit sich durchzusetzen einfordert, oder B soweit einschränkt dass sein Leben mies und ungemütlich wird. Es geht lediglich darum, dass Miteinander so zu gestalten, dass Reibereien sich auf ein Minimum reduzieren - und dies ist ein wichtiger Punkt, den man betonen muss: es geht bei Dominanz um Konfliktvermeidung, und nicht darum, sich alles unter den Nagel zu reissen und dem Anderen das Leben zur Hölle zu machen!

Braucht es den Begriff?

Für viele Bereiche in der Biologie wird der Begriff der Dominanz gebraucht. Allerdings sagt der Begriff wenig darüber aus, wie diese Regeln entstehen und wie das Zusammenleben gestaltet wird, das heisst, die Qualität des Miteinanders.

Eine alte Elefantenkuh die in der Dürrezeit die Herde zu einer Wasserstelle führt, da sie weiss wo es noch Wasser gibt, oder ein Hund der sich dagegen wehrt dass ein anderer Hund oder ein Mensch ihm sein Futter wegnimmt, oder sein Spielzeug, oder ihn von seinem Liegeplatz vertreibt, sind verständliche Gründe warum sich das Individuum A, die alte Elefantenkuh oder der Hund dem was weggenommen werden soll, gegenüber B durchsetzt.

Ein kräftiger Hund der nicht gelernt hat Rücksicht zu nehmen, der, aufgrund seines Körpergewichtes und weil der Besitzer denkt man müssen den dominanten Hund immer unterstützen, allen Hunden ihr Zeugs wegnimmt, deswegen gefürchtet ist, ist ein Beispiel wo Dominanz nicht im Sinne des Zusammelebens dient. Ein Hundehaltender der, weil er dominant sein will, den Hund von den Liegeplätzen verscheucht, und dem Hund so Vertrauen und Ruhemöglichkeiten nimmt, dem Hund sein Essen willkürlich wegnimmt, und damit dem Hund etwas Essentielles, etwas, das für das Leben wichtig ist, denn ohne Futter stirbt man, ist ein weiteres Beispiel wo es nicht mehr um das friedliche Zusammenleben geht.

Alle Beispiele haben gemeinsam, dass A sich gegenüber B durchsetzen kann; und dennoch sind sie sehr verschieden. In der Psychologie gibt es geeignetere Begriffe, die das Zusammenleben genauso gut beschreiben können und der Nutzen für die Hundehaltung ist kaum ersichtlich, sodass es wenig sinnvoll erscheint, diesen Begriff weiter zu nutzen.

Wem soll es nützen, dass A sich gegenüber B durchsetzen kann? Wir Menschen kontrollieren das Leben der Haushunde die in unseren Wohnungen leben zu 100 Prozent: wann wir schlafen gehen, wann wir aufstehen, wann es Essen gibt, wann es zum Spaziergang geht, welchen Hund man besuchen darf, welchen Mensch der Hund besuchen darf, und so weiter. Wir sind formal dominant, immer, einfach deswegen, da wir die ökologische Nische unserer Hunde darstellen.

Ein anderes Modell

Eine Alternative, zum Verständnis was in der Gruppe abgeht, kann folgendes Modell bieten. Es entstammt aus dem Unterricht zur Gruppenführung und beinhaltet vier Phasen die eine Gruppe durchläuft.

Wie sich eine Gruppe bildet

Das Leben der Gruppe fängt damit an, dass sie zusammen kommt, dass die Mitglieder sich treffen und aufeinander treffen. Dieser Abschnitt wird forming genannt. Mit der Zeit entsteht in der Gruppe Knatsch. Es gibt Streit und Uneinigkeit über das Miteinander, was ok ist und was nicht, wie man sich miteinander verhält, wer welche Aufgaben übernimmt. Dieser Abschnitt nennt sich storming, in der Gruppe gibt es Stürme, Zwist. Es bilden sich Regeln heraus, die sich verändern können, oder abgeschafft werden, andere Regeln kommen dazu, bis die Gruppe sich stabilisiert. Dieser Abschnitt wird norming genannt. Die Gruppe kann nun Leistung zeigen, kann funktionieren und gedeihen. Dieser Abschnitt nennt sich performing.

Wenn ein Hund bei uns einzieht, durchlaufen wir diese Abschnitte. Darf der Hund aufs Sofa, kann ich dem Hund sein Pelz flauschen, kann die Futterschüssel überfallen werden, oder soll der Hund kurz warten bis die Schüssel auf dem Boden liegt, mag der Hund an seinem Liegeplatz gekrault werden, mag er eher ein Brustgeschirr? Man lernt sich kennen und seine Eigenheiten, Vorlieben und Abneigungen und richtet sich aufeinander ein. Das geht nicht ganz ohne Reibung. Mit der Zeit bilden sich Regeln heraus an die sich alle halten, auch der Hundehaltende, und die Gruppe wird leistungsstark, der Alltag nimmt Fahrt auf und gemeinsam hat man eine tolle Zeit.

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Dieses Thema ist verwandt mit unelastischen Verhalten , Beziehung